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Hat sich die Zeit in Kanada gelohnt?

Ja, hat sie! Was lief genau? Was haben wir getan in der Zeit von Ende September 2005 bis Anfang Mai 2006? Hier ein kleiner Einblick:

Englisch lernen

Von Oktober bis Dezember haben wir von morgens bis zum frühen Nachmittag Englisch-Klassen an einer kleinen Schule besucht. Zur Auffrischung war das ganz gut, aber am meisten haben wir dadurch gelernt, dass wir während der gesamten Zeit in Kanada mit Menschen zu tun hatten, mit denen wir uns nur in Englisch verständigen konnten: Die Verkäuferinnen in den Supermärkten, die Mitarbeiter und Bewohner des Matthewhouses, die Leute aus den Gemeinde, in denen wir waren usw.

Mitarbeit in der "Oromo Christian Church of Toronto"

Ab November waren wir als Mitarbeiter in einer äthiopischen Gemeinde eingesetzt. Die Besucher kommen alle ursprünglich aus der Volksgruppe der "Oromo" in Äthiopien. Die Gemeinde trifft sich sonntagnachmittags um 15.00 Uhr in dem Gebäude einer alteingesessenen Baptistengemeinde in Toronto. Zu einem eigenen Gebäude fehlt das Geld. Manche Gottesdienstbesucher fahren jeden Sonntag 1 1/2 Stunden, um am Gottesdienst teilnehmen zu können. Die Kinder sind bis gegen 17.00 Uhr mit im Gottesdienst dabei und haben anschließend - während der Predigt - für etwa eine Stundeihr eigenes Programm .

Die Mitarbeiterinnen, die das Kinderprogramm gestalten, hatten nie jemanden, der ihnen zeigte, wie man eine Kinderstunde aufziehen kann. Wir haben uns mit eingebracht, angefangen Lieder mit den Kids zu singen, das Programm durch Spiele aufzulockern usw. Höhepunkt war die Wochenendfreizeit, die wir gemeinsam mit einer Mitarbeiterin in Moffat, der Zentrale der Liebenzeller Mission Kanada, durchführten. Es kamen zwar nur 3 Jungs mit, aber das lag daran, dass es so etwas zum ersten Mal gab. Manche Eltern versicherten uns: "Beim nächsten Mal sind es viel, viel mehr...". Auf jeden Fall haben sich alle über die Freizeit gefreut. Die Gemeinde hat dadurch gemerkt, dass Kinderwert ihren eigenen Wert hat, etwas Wichtiges ist. Manchmal liefen die Kids bisher mehr nebenher.

Kurz bevor wir uns verabschiedeten durfte ich (Simon) in der Gemeinde dann auch noch predigen. Es war meine erste Predigt in Englisch und von daher eine gute Herausforderung. Thema war die Fußwaschung Jesu. Der Pastor meinte nach der Predigt, dass wir durch unsere Mitarbeit gezeigt hätten, was "Dienen" heißt und sie duch unseren Einsatz von Gott gesegnet wurden. Das hat uns besonders gefreut, denn wir hatten manchmal den Eindruck, dass wir gar nicht viel tun oder bewegen konnten. Offensichtlich hat Gott das benutzt, was wir taten, um Menschen dadurch segnen. Dafür sind wir ihm dankbar.

Als wir das letzte Mal im Gottesdienst waren, hat uns die Gemeinde für unseren Dienst in PNG ausgesandt, uns die Hände aufgelegt und gesegnet und für uns gebetet. Sie wollen mit uns in Verbindung bleiben und weiterhin für uns beten.

Matthewhouse

Ab Anfang November 2005 haben wir im Matthewhouse, einem Übergangswohnheim für neu eingereiste Flüchtlinge gelebt und gearbeitet. Wir hatten Platz für insgesamt 12 Personen. Unsere Aufgabe war, von abends 9 bis morgens 9 da zu sein. Wenn man so eng mit Menschen aus der ganzen Welt zusammenlebt, Bad, WC, Küche und Wohnzimmer teilt, dann bekommt man fast unweigerlich ihre Geschichte mit. Viele sind in den Wochen bevor sie in Kanada ankamen durch die Hölle auf Erden gegangen, haben zusehen müssen, wie Familienangehörige abgeschlachtet wurden, wurden vergewaltigt oder ohne Grund verhaftet. Oft geschah es, dass Familien getrennt leben, ein Partner versucht hat, sich nach Kanada durchzuschlagen. Manche wissen nicht, ob ihr Partner oder ihre Kinder noch leben. Selten in unserem Leben waren wir so nah an den tiefgehenden Nöten von Menschen dran als in der Zeit im Matthewhouse.

Wir konnten Menschen im Namen Jesu willkommen heißen, boten ihnen eine sichere Unterkunft, gutes Essen, Gemeinschaft mit anderen und immer wieder konnten wir unseren Glauben mit ihnen teilen. Manchmal konnten wir auch etwas Besonderes anbieten: mit ihnen zum Ballett gehen, ein Baseballspiel ansehen, zu den Niagarafällen fahren usw.

Ein Mann aus Äthiopien sagte einmal bei einem unserer wöchentlichen Treffen: "So viel Gutes wie mir hier in der letzten Woche widerfuhr, habe ich in den letzten Jahren zusammen nicht erlebt". Viele haben sich im Matthewhouse kennen gelernt, sind zu Freunden geworden und später zusammen in eine Wohnung gezogen. Meistens blieben unsere Bewohner 6 bis 8 Wochen im Matthewhouse, bis ihr Antrag auf Sozialhilfe durch war, sie einen Rechtsanwalt gefunden hatten, der ihren Antrag auf Anerkennung als Flüchtling vor Gericht vertritt und sie sich in Toronto einigermaßen zurecht fanden.

In den letzen 8 Jahren wurde im Matthewhouse auf diese Weise die Liebe Jesu ganz konkret weitergegeben an etwa 550 Menschen aus über 70 Ländern. In der Zeit, in der wir dort waren, haben wir alleine Menschen aus mindestens 13 verschiedene Nationen beherbergt. Wir sind sehr froh, dass wir ein gutes und funktionierendes Besipiel gelebter christlicher Nächstenliebe kennen gelernt haben. Gott hat uns mit viel mehr beschenkt als wir gegeben haben!

Kultur-Kurs

Eigentlich war die gesamte Zeit in Kanada Kulturtraining. Toronto mit seinen jährlich ca. 100.000 Einwanderern ist voll von Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt und unsere Mitarbeit im Matthewhouse und der Äthiopischen Gemeinde haben ihr Übriges getan. Daneben haben wir uns aber einige Wochen lang immer freitags getroffen, um über ein spezielles Thema zu reden. Es ging unter anderem darum, offen zu werden für Anderes, seine eigene Kultur nicht als den alleingültigen Maßstab anzusehen, aber auch um Themen wie unser Weltbild oder die Anforderungen an Leiter in verschiedenen Kulturen. Wir haben die Woche über verschiedene Artikel zu dem jeweiligen Thema gelesen und dann freitags mit Jacob und Lorrie Koch gemeinsam darüber diskutiert. Manchmal kamen auch Gäste zu den Treffen dazu, zum Beispiel ehemalige Missionare oder Pastoren, die dabei sind, in Toronto Gemeinden zu gründen.

 

Copyright (c) 2007 Simon Herrmann. Alle Rechte vorbehalten

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